Nähen und Urlaub – was Reisen über mein Hobby verrät

Berglandschaft mit Schnee und dem Text „Ich habe meine Nähmaschine vergessen” – Nähen und Urlaub

Ich habe meine Nähmaschine vergessen.

Nicht wirklich absichtlich. Nicht als bewusste Sewcial-Detox-Entscheidung mit Bewusstseins-Retreat-Energie. Sondern einfach so – Koffer zu, Tür hinter mir, ab ins Auto, fertig. Irgendwo zwischen „Wo sind die Wanderschuhe?“ und „Habe ich eigentlich mein Ladekabel?“ ist sie einfach nicht mit eingepackt worden. Nähen und Urlaub – das war mein Plan. Daraus wurde nichts.

Und weißt du was? Ich bin so froh darüber.

Übrigens habe ich auch Bettwäsche und Handtücher vergessen. Was zeigt, wie wuschig ich im Kopf bei der Abreise war – wobei ich mir im Ferienhaus zum Glück beides leihen konnte.

Urlaub – der erste Tag ohne Nähen

Normalerweise reise ich mit Plan. Projekt im Gepäck, Stoff vielleicht schon vorgeschnitten, mentale To-do-Liste. Mein Fantasie-Ich hat schon die ganze selbstgenähte Urlaubsgarderobe geplant, näht im Urlaub mindestens zwei Hemden und eine Hose fertig und kommt erholt und produktiv zurück.

Mein Real-Ich sitzt jetzt hier, ohne Maschine und ohne Plan, und trinkt in aller Ruhe einen Kaffee.

Anja Dix entspannt im Urlaub in selbstgenähtem Streifenshirt – Nähen im Urlaub mal anders
Real-Ich. Ohne Maschine. Mit Kaffee. Zufrieden.

Es hat eine Weile gedauert, bis sich das gut angefühlt hat. Der erste Reflex war ein komisches Gefühl: eine Mischung aus Leere, leichter Panik und ein bisschen Schuld. Aber dann ist das Gefühl ganz einfach weitergezogen und hat einer entspannten Zufriedenheit Platz gemacht. Ich schaue draußen auf die Landschaft. Und schneide Petersilie. Mit dem Wiegemesser, auf der Terrasse. Statt Stoff. Statt Rollschneider. Statt Plan. Auch das hat seinen eigenen Reiz.

Petersilie wird mit dem Wiegemesser gehackt – im Urlaub ist Kochen das neue Nähen
Wiegemesser statt Rollschneider. Petersilie statt Stoff. Geht auch.

Was passiert, wenn man plötzlich nur schaut

Ohne Projekt im Kopf sieht man plötzlich andere Dinge.

Die Fliesenböden – könnte das nicht ein Quiltmuster sein? Die Farbe der blühenden Judasbäume (zumindest sagt mir mein Handy, dass das Judasbäume waren) an der Autobahn – eine sensationelle Mischung aus pink und lila. Die Art, wie das Licht durch die Fenster fällt und Streifen auf den Boden zeichnet. Streifen. Interessant. Die Textur der Blätter von Bäumen und Sträuchern. Und natürlich der Himmel und Wolkenformationen und die Berge (noch mit Schnee!!!)…

Ich habe noch mehr Fotos gemacht als sonst. Nicht von Sehenswürdigkeiten, sondern von Texturen, Farben, Mustern. Mein Handy ist inzwischen ein Inspirations-Archiv, auch wenn ich es zuhause garantiert nie systematisch durchschauen werde. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Ich habe geschaut. Und die Umgebung wahrgenommen. Ganz echt.

Die besten Nähideen kommen, wenn man gerade nicht näht. Das ist keine neue Erkenntnis – aber sie trifft mich hier besonders deutlich.

Was der Urlaub über meine Projekte verrät

Interessante Frage, die ich mir hier stelle: Was vermisse ich eigentlich?

Das UFO auf dem Zuschneidetisch – nö, das vermisse ich nicht. Das Chaos im halb ausgeräumten Nähzimmer – da bin ich sogar froh, es hinter mir gelassen zu haben. Aber die beiden Quilts, die ich schon seit Wochen vor mir herschiebe zu heften und zu quilten? Das fehlt mir tatsächlich. Nicht mit schlechtem Gewissen, sondern weil ich sie so gerne bald verschenken würde.

Abstand hilft beim Sortieren. Was liegt zuhause auf dem Tisch, weil ich es wirklich machen will – und was liegt da, weil es eben schon so lange da liegt und ich es irgendwie fertigmachen muss? Der Urlaub wirft diese Frage sehr klar auf.

Und ich merke wieder, wie wichtig es für mich ist, mich immer mal auszubremsen. Denn drölfzig Projekte gleichzeitig anfangen kann ich super. Nur das Fertigstellen ist dann so eine Sache, weil mir auf halber Strecke die Energie ausgegangen ist. Ich muss nämlich inzwischen etwas häufiger meine eigene Batterie aufladen.

Und wenn paar Projekte nach meiner Rückkehr direkt in die Kiste wander ist das keine Niederlage – sondern eine Entscheidung. Warum das kein Zeichen von Schlampigkeit ist, erkläre ich in meinem Artikel Perfektionismus loslassen.

Nichts müssen. Auch zuhause.

Das Schönste am Urlaub ist ja nicht unbedingt der Ort. Es ist das Tempo. Dieses „ich mache jetzt das, worauf ich Lust habe, und wenn mir nichts einfällt, mache ich eben nichts“ – das ist das eigentliche Luxusgefühl.

Und ich frage mich: Warum ist das zuhause so schwer?

Nähen kann Entschleunigung sein. Echte, tiefe Entschleunigung – wenn man es lässt. Ich erlebe das am stärksten beim Patchwork als Meditation: keine To-do-Liste, keine Außenwelt – nur Stoff, Lineal und Rollschneider. Aber dafür muss man die To-do-Liste loslassen, den Projektberg ignorieren und einfach mal was anfangen, ohne zu wissen, ob es fertig wird. Oder einen Abend gar nicht nähen und das als vollkommen legitime Entscheidung behandeln.

Die Nähmaschine wartet zuhause. Sie läuft nicht weg. Und ich komme mit vielen Ideen und wieder genug Energie zurück.

Schneebedeckte Berge mit grüner Hügellandschaft – Inspiration auf Reisen
Die Berge – noch mit Schnee!!!

Das, glaube ich, ist das eigentliche und wichtigste Urlaubs-Souvenir.

Und du? Nähmaschine im Koffer oder bewusste Pause?

Nimmst du dein Nähen mit in den Urlaub – oder gönnst du dir die Pause? Und was vermisst du eigentlich, wenn du mal nicht nähen kannst?

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Ein Kommentar

  1. Also mit Nähmaschine bin ich noch nie gereist, aber ein Handnäh- oder EPP-Projekt ist immer im Gepäck. Oft bin ich aber dann unterwegs gar nicht so erpicht darauf zu nähen und das Projekt wandert unbeendet wieder in den Koffer. Ich wünsche dir einen schönen Urlaub!

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