Influencer-Influenza: Wenn fremde Begeisterung ansteckend wird – und was das mit deiner Freiheit zu tun hat

Frau mit Atemschutzmaske umgeben von Virus-Partikeln und Nähmaschinen-Illustrationen – Influencer-Influenza und ansteckende Begeisterung beim Nähen

Stell dir vor: Du scrollst durch Instagram. Eine Person, der du schon länger folgst, hält begeistert eine Nähmaschine in die Kamera. Ihr Gesicht leuchtet. Die Stimme überschlägt sich fast. „Ich liiiiiebe dieses Teil! Es ist einfach perfekt!“ Kurze Zeit später steht genau diese Nähmaschine bei dir im Zimmer. Und irgendwie… passt sie nicht so recht zu dir. Die Bedienung irritiert dich. Irgendwie spricht sie nicht mit dir. Sie macht Probleme bei den Materialien, die du vernähst. Du fragst dich: War das ein Fehler?

Willkommen bei der Influencer-Influenza. Einer Krankheit, die völlig symptomlos beginnt – mit ein bisschen Scrollen, einem schönen Reel, einer ansteckenden Begeisterung – und die am Ende dazu führt, dass du Entscheidungen triffst, die eigentlich gar nicht deine sind.

Und das Tückische daran: Du merkst es oft erst hinterher.

Warum wir so leicht „angesteckt“ werden

Begeisterung ist emotional. Es werden Glückshormone ausgeschüttet. Wenn jemand wirklich von etwas überzeugt ist – oder zumindest so tut als ob – springt das auf uns über. Das ist keine Schwäche, das ist zutiefst menschlich. Unser Gehirn ist auf soziale Signale geeicht: Wenn andere etwas gut finden, könnte es auch für uns gut sein. Das hat evolutionär absolut Sinn gemacht.

Nur: Social Media hat diesen Mechanismus auf Hochtouren gebracht. Wir sehen täglich Dutzende von Menschen, die irgendetwas gaaaaanz toll finden. Nähmaschinen. Zubehör. Stoffe. Schnittmuster. Apps. Kurse. Zeug. Und vieles davon kommt nicht aus echter, unabhängiger Überzeugung – sondern weil jemand dafür bezahlt wird, bezahlt wurde oder einfach im Moment der Aufnahme total aufgedreht war. (Was dann auch wieder echt sein kann. Es ist kompliziert.) Ich selber hatte letztens in einem Gespräch ein komisches Gefühl, als die Person zu mir sagte „wenn du das empfiehlst, muss das ja gut sein“.

Das Problem liegt also nicht bei den Influencer/innen selbst. Das Problem liegt darin, wie wir mit ihrer Begeisterung umgehen.

Inspiration ja – Nachahmung nein

Es gibt einen feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen Inspiration und Nachahmung.

Inspiration bedeutet: Ich sehe etwas, es weckt eine Idee in mir, es bringt mich zum Nachdenken, es eröffnet mir eine neue Perspektive. Das ist wertvoll. Das ist eigentlich der Sinn der Sache.

Nachahmung bedeutet: Ich sehe etwas, ich will genau das haben oder genau das tun – weil die andere Person so begeistert davon ist. (Warum denke ich jetzt gerade an eine Filmszene „ich will genau das, was sie hatte“ 🙈🤣)

Der Unterschied klingt klein, hat aber riesige Auswirkungen. Bei der Inspiration bleibst du du selbst. Bei der Nachahmung wirst du ein Echo von jemand anderem.

Überlege mal: Hast du dir schon mal etwas gekauft, weil eine bestimmte Person so davon schwärmte – und du hattest im Laden (oder beim Paket-Öffnen) kurz das Gefühl: „Warte. Will ich das eigentlich wirklich?“ Ich wette, das Gefühl war berechtigt. Ich habe das selber auch schon x-mal erlebt.

Vorbilder? Ich hatte damit immer ein Problem

Jetzt wird es kurz persönlich/biografisch. Ich hatte schon immer ein etwas gestörtes Verhältnis zu Vorbildern. Ich finde es toll, was manche Menschen tun. Es inspiriert mich, es fasziniert mich, manchmal bewundere ich es zu tiefst. Aber ich habe nie das Bedürfnis gespürt, so zu sein wie sie. Oder zu kaufen, was sie kaufen. Oder zu mögen, was sie mögen.

Wenn ich gefragt wurde „Wer ist dein großes Vorbild?“ oder „Wem eiferst du nach?“, fühlte sich die Antwort „eigentlich niemandem wirklich“ komisch an. Fast arrogant. Als würde ich sagen: Ich brauche keine anderen Menschen.

Aber das meine ich gar nicht. Ich brauche andere Menschen – für den Austausch, für Inspiration, für Gemeinschaft. Was ich nicht brauche, ist jemanden, der mir sagt, wer ich sein soll oder was ich zu mögen habe. Das ist für mich der Kern von Freiheit: Ich schaue, ich lerne, ich lasse mich inspirieren – und dann mache ich mein Ding.

Nein sagen ist keine Kränkung

Hier kommt ein Gedanke, der vielleicht ein bisschen unbequem ist: Eine Empfehlung anzunehmen, ohne ihr blind zu folgen – oder sie freundlich abzulehnen ist eine Form von Respekt. Vor allem Respekt dir selbst (!) gegenüber. Und auch ein fairer Umgang mit der Person, die empfiehlt.

Wenn eine Influencerin sagt „Ich liebe diese Nähmaschine!“ – dann ist das ihre ehrliche (oder bezahlte) Meinung über ihre Situation, ihre Ansprüche, ihren Stil, ihre Projekte. Das sagt nichts darüber aus, ob diese Maschine auch zu dir passt. Deine Denkstruktur ist anders. Deine Situation, deine Erfahrungen, deine Projekte und dein Geschmack sind anders.

In meinem Artikel Fallen beim Nähmaschinenkauf habe ich das schon mal sehr konkret beschrieben: Die Influencer-Falle ist real – und der einzige Schutz davor ist, dir selbst die richtigen Fragen zu stellen, bevor du kaufst. Was brauche ich wirklich? Was mache ich damit? Was passt zu mir?

Eine Empfehlung abzulehnen ist übrigens keine Kränkung für die Person, der du folgst. Du darfst ihren Content genießen und trotzdem nein sagen. Das ist erlaubt.

Und das gilt selbstverständlich auch für mich. Ich stelle auf diesem Blog und auf meinen Kanälen auch Produkte vor – Nähmaschinen, Zubehör, Schnittmuster, Bücher, Materialien, die ich mag und nutze. Ich tue das aus echter Überzeugung. Aber ich sage trotzdem: Glaub mir nicht einfach. Schau es dir an. Probier es aus. Vielleicht liebst du es genauso oder sogar noch mehr. Vielleicht findest du: Nö, das ist nichts für mich. Beides ist richtig. Beides ist gut. Ich möchte dich inspirieren – aber nie ersetzen, was du selbst weißt und fühlst. Und deine Meinung darf sich auch ändern! Vielleicht war das eine Ding eine Zeitlang total klasse, aber du hast dich weiterentwickelt, deine Projekte sind vielleicht andere – es darf sich verändern, was du nutzt und magst!

Was, wenn die eigene Entscheidung falsch war?

Jetzt kommt der schwierigste Teil. Denn manchmal entscheidest du dich selbst – und es ist falsch. Du kaufst die Maschine, die du für dich ausgesucht hast, ausprobiert hast, für die du dich bewusst entschieden hast – und irgendwann merkst du: Das war nicht das Richtige.

Und dann?

Dann bist du versucht zu sagen: „Hätte ich doch auf xyz gehört!“ Aber Moment. Das wäre ein Trugschluss. Denn wenn du auf die Empfehlung von xyz gehört und es wäre auch falsch gewesen – hättest du dich dann besser gefühlt? Vielleicht kurzfristig. Du hättest jemand anderem die Schuld geben können.

Aber genau da liegt das Problem.

Verantwortung für die eigene Entscheidung zu übernehmen – auch wenn sie falsch war – ist keine Strafe. Es ist Reife. Es ist Wachstum. Es ist das Leben. Es ist eine Möglichkeit, beim nächsten Mal besser zu entscheiden. Weil du weißt und fühlst, was du gelernt hast.

Wenn du die Entscheidung ausgelagert hast, lernst du nichts über dich. Du lernst nur, dass die Empfehlung anderer Menschen manchmal nicht zu dir passt.

Übrigens: Kreativität funktioniert genauso. Der Glaubenssatz „Ich bin nicht kreativ“ entsteht oft genau da, wo man zu lange auf die Werke anderer geschaut und sich verglichen hat, statt einfach selbst anzufangen – mit all den Fehlern, die dazugehören. Darüber habe ich in meinem Artikel Bin ich kreativ? ausführlich geschrieben: Kreativität ist ein Muskel, den man trainiert. Und dafür braucht man vor allem eines – die eigene Erfahrung.

Dein Leben, dein Geschmack, deine Nähmaschine

Lass mich zum Schluss noch mal auf den Anfang zurückkommen. Die Nähmaschine, die im Reel so toll aussah. Vielleicht ist sie wirklich toll. Vielleicht wäre sie sogar perfekt für dich. Die Frage ist nicht: Ist die Empfehlung gut oder schlecht? Die Frage ist: Hast du dir selbst erlaubt zu prüfen, ob sie zu dir passt?

Geh ins Fachgeschäft. Setz dich davor. Näh ein paar Nähte. Bring deine eigenen Stoffe mit. Frag so viele Fragen, wie du willst – das Personal ist dafür da. Und dann triff deine Entscheidung. Für dich. Mit deinem Kopf. Mit deinem Bauchgefühl.

Das ist keine Absage an Influencer. Das ist ein Ja zu dir selbst.

Und das, finde ich, ist echte kreative Freiheit: Ich schaue, was andere tun. Ich lasse mich inspirieren. Und dann mache ich mein Ding.


Wie ist das bei dir? Hast du schon mal etwas gekauft, weil die Begeisterung einer anderen Person so ansteckend war – und es hat sich dann doch nicht so angefühlt wie erhofft? Oder hast du dich bewusst gegen eine gehypte Empfehlung entschieden und es war die richtige Wahl? Erzähl mir davon in den Kommentaren – ich bin gespannt!

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1 Kommentar

  1. Liebe Anja, vielen Dank für Deinen Artikel zu diesem Thema. Mir ist das auch passiert, ganz am Anfang, als ich neu auf Insta war. Nicht mit Maschinen, aber mit den Stoffen von Tula Pink. Alle waren so begeistert und haben die Stoffe gefeiert. Und ich habe mich anstecken lassen. Heute weiss ich, die Stoffe passen gar nicht zu mir, meinem Stil. Sie sind schön, aber für mich viel zu wild. Und die tollen Sachen, die andere daraus genäht haben, werde ich nie nacharbeiten. Also, Stoffschrank voll und wenn ich ein Projekt nähen möchte, habe ich nix passendes da 🤣
    Heute gehe ich viel kritischer mit den Ideen auf Insta um.
    Ausser die schwarz-bunte Strandtasche , die Du mal gezeigt hast. Die kann ich einfach nicht vergessen 🙈🥰
    Liebe Grüße
    Heike

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