Ich mache den Kühlschrank auf und schaue, was da ist. Rote Bete. Eine Zucchini. Zwiebeln, ein Rest Feta. Ein paar Kräuter, die noch übrig sind. Passt das zusammen? Keine Ahnung. Ich werfe alles in die Pfanne, Chili und Sesam dazu, fertig. „Kühlschrank auskehren“ nenne ich das – und ziemlich oft ist es überraschend lecker.
Könnte ja gut werden. Also probiere ich es einfach aus.
Und genau das mache ich auch an der Nähmaschine.
| Kurz gesagt: Improvisieren ist kein Zeichen von Chaos oder fehlender Disziplin, sondern eine echte kreative Stärke – die Fähigkeit, mit dem zu arbeiten, was da ist, und im Moment Lösungen zu finden. Wer beim Nähen eine Panne rettet, ohne Spezialfuß sauber näht oder aus Resten etwas Ganzes macht, beweist Können, keinen Mangel. Diese Haltung nimmt den Druck zur Perfektion – und macht das Nähen leichter und glücklicher. |
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Ich kann improvisieren – in der Küche wie im Nähzimmer
Lange habe ich das gar nicht als Können gesehen. Es fühlte sich einfach nach „so bin ich halt“ an. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird: Improvisieren ist eine Fähigkeit. Eine, die ich richtig gut kann. Und eine, die ich an der Nähmaschine ständig benutze, ohne groß darüber nachzudenken.
Improvisieren heißt: Ich arbeite mit dem, was da ist. Ich finde die Lösung im Moment. Und ich fange an, bevor ich weiß, ob es klappt.
Das ist der rote Faden, der sich durch alles zieht, was ich hier erzähle: Improvisieren ist ein Können, kein Mangel.

Warum ich es lange für ein Versagen hielt
Ich habe wirklich oft versucht, einen wöchentlichen Mahlzeitenplan zu schreiben. Schön strukturiert, montags bis sonntags, passend eingekauft. Und ich habe es nie auch nur eine Woche durchgehalten. Lange habe ich gedacht, das sei ein Defizit von mir. Dass ich einfach zu chaotisch bin. Dass es ein kleines Versagen ist, wenn ich nicht mal das hinbekomme, was andere scheinbar mühelos schaffen.
Bis ich irgendwann verstanden habe: Ich bin das einfach nicht. Ich bin kein Mahlzeitenplan-Mensch – und das ist kein Fehler. Es ist nur nicht meine Art, an Dinge heranzugehen. Was ich stattdessen kann, ist viel mehr wert: Ich kann aus dem, was gerade da ist, etwas Gutes machen. Spontan. Ohne Plan. Improvisieren ist eine absolute Stärke von mir.
Seit ich das erkannt habe, ist ein Druck von mir abgefallen. Ich versuche nicht mehr, jemand zu sein, der genaue Pläne schreibt und einhält. Ich nutze stattdessen das, was ich wirklich gut kann – und habe richtig Freude daran.
Geht auch mal was daneben? Klar. Dann gibt’s halt Käsebrot. Und das ist völlig in Ordnung.
Mein Weg: aus einer Panne wird die Lösung
Am deutlichsten zeigt sich das Improvisieren im Nähzimmer, wenn etwas schiefgeht. Eine Naht sitzt falsch, der Stoff zickt, das Teil ist zu kurz geraten – der Moment, in dem viele das Projekt frustriert weglegen.
Bei mir passiert dann genau das Gegenteil. Ich überlege nicht lange, ob ich „alles richtig gemacht“ habe, sondern: Was lässt sich jetzt daraus machen? Aus der schiefen Naht wird ein Designdetail. Aus dem zu kurzen Stück wird ein bewusster Materialmix. Nicht der Plan rettet das Projekt, sondern der Einfall im Moment.
Mein liebstes Beispiel dafür: ein Quilt. Beim Freihandquilten rund um die gestickten Eulen wurde meine Linie zittrig. Auftrennen? Keine Option. Also habe ich das Unordentliche kurzerhand kultiviert und kleine „Butterkekszähnchen“ daran gequiltet – jetzt sieht es aus, als läge jede Eule auf einem Spitzendeckchen. Aus dem vermeintlichen Patzer wurde mein Lieblingsdetail. Die ganze Geschichte, wie dieser Quilt entstanden ist, kannst du hier nachlesen.

Ich brauche nicht das „richtige“ Spezialzubehör
Es gibt diese Vorstellung, dass man für sauberes Nähen das passende Spezialteil braucht. Den richtigen Fuß. Die richtige Maschine. Sonst geht es eben nicht.
Geht es doch.
Einen feinen Babysaum nähe ich ohne Rollsaumfuß – mit einem simplen Trick und dem, was ich da habe. Edle, gefütterte Kanten und ein schönes Innenleben meiner Kleidung bekomme ich mit der Hong-Kong-Naht und der französischen Naht hin – ganz ohne Overlock. Klar, das ist kein Improvisieren im Moment. Ich habe sogar ziemlich viele Spezial-Nähfüße und eine tolle Overlockmaschine (mit der ich auch gerne und viel nähe) – aber mal ohne diese schicken Dinge zu nähen, finde ich auch toll. Weil es so einfach ist und etwas Wunderschönes hervorbringt.
Aus Resten wird etwas Ganzes
Improvisieren heißt auch: nicht erst „das Richtige“ kaufen, sondern mit dem loslegen, was schon da ist.

Aus einem Berg Stoffreste und ein paar Mini-Zeitfenstern wird bei mir ein String Quilt. Und als ich günstigen Stoff zum Probenähen brauchte, habe ich kurzerhand Ikea-Bettwäsche umgewidmet – mit Überraschungseffekt. Oder der IKEA Duschvorhang, der ein Rucksackbeutel Uli wurde. Einfallsreichtum statt Einkaufsliste. Das ist genau dieselbe Bewegung wie beim Kühlschrank-Auskehren: schauen, was da ist, und etwas Gutes daraus machen.

Warum Improvisieren und zwanghafter Perfektionismus nicht zusammenpassen – und das gut ist
Und hier schließt sich der Kreis. Könnte gut werden – und wird es oft. Genau diese Haltung ist der Grund, warum ich keine (vermeintliche) Perfektion brauche.
Wer improvisiert, kann gar nicht perfektionistisch sein. Du arbeitest mit dem Unvorhergesehenen, du lässt zu, dass etwas anders wird als geplant – und genau dadurch entsteht oft etwas Besseres, als du es dir vorher ausgedacht hättest. Improvisieren ist der lebende Beweis dafür, dass „nicht perfekt“ und „richtig gut“ überhaupt kein Widerspruch sind. Mehr dazu, warum du nicht schlampig bist, wenn du Perfektionismus loslässt, habe ich dir extra aufgeschrieben. Das ist mir wirklich wichtig. Ich strebe immer danach, besser zu werden, Neues zu lernen, mein Nähen weiter zu verbessern. Das widerspricht meinem Talent zu improvisieren überhaupt nicht.
Was ich lange für Chaos hielt, ist in Wahrheit meine Superkraft. In der Küche. Im Nähzimmer. Und im Kopf.
Und du? Was kannst du richtig gut, ohne es zu sehen?
Vielleicht kennst du das: etwas, das dir so leicht fällt, dass du es gar nicht für eine Stärke hältst. Etwas, für das du dich vielleicht sogar ein bisschen schämst, weil es nicht in die Schublade „so macht man das richtig“ passt.
Genau darum geht es in meiner Blogparade „Das kann ich richtig gut – und hab’s lange nicht gewusst“. Ich würde mich freuen, deine Geschichte zu lesen. Wie du mitmachst, steht im Aufruf zur Blogparade. Mitmachen kannst du bis 2. August 2026.
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