Diese Bluse hat keine Schulternähte. Keinen klassischen Armausschnitt. Vorderteil, Ärmel und Rücken sind aus einem einzigen Stück Stoff, und ein Zwickel unter den Armen hält das Ganze zusammen.
Als ich die Origami Bluse von Manoli Patterns zum ersten Mal gesehen habe, war ich sofort hin und weg. „Fortgeschritten“, sagt die Anleitung. Kann ich bestätigen.
Inzwischen hängt sie auf meiner Puppe. Fast fertig. Knöpfe und Knopflöcher fehlen noch, und das hat einen Grund, über den ich am Ende dieses Artikels rede.
Fürs schnelle Lesen: Das Origami Bluse Schnittmuster von Manoli Patterns ist eine Konstruktion aus einem Stück Stoff, ohne Schulternähte und ohne klassischen Ärmeleinsatz. Es kostet als reines Schnittmuster gut 30 Euro, mit Masterclass rund 53 Euro. Schnittmuster und Anleitung sind auf Englisch. Die Basis-Anleitung ist sehr knapp gehalten. Wer keine Schneiderinnenausbildung hat, sollte gleich zur Vollversion greifen.


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Was die Origami Bluse besonders macht
Ich nähe seit vielen Jahren Kleidung. Trotzdem hatte ich vieles an dieser Bluse so noch nie gemacht.
Der Zwickel unter dem Arm. Statt eines eingesetzten Ärmels sitzt dort ein Zwickel, der die Bewegung ermöglicht und die Form unter dem Arm definiert. Dafür wird der Stoff an einer Stelle unter Spannung eingeschnitten. Das ist genau der Moment, in dem man einmal tief durchatmet.
Der Kragen. Auch die Kragenkonstruktion ist spannend gelöst, mit einem nur teilweise vorhandenen Steg. Das sieht am Ende leicht und lässig aus, ist aber alles andere als beliebig konstruiert.
Die Anordnung der Schnittteile. Weil Vorderteil, Rücken und Ärmel zusammenhängen, funktioniert der Zuschnitt anders, als du es gewohnt bist.
Die Größen gehen von 34 bis 54, das PDF gibt es in A4 und A0 mit Ebenen.

Bevor du kaufst: Das Schnittmuster ist auf Englisch
Das ist der Punkt, den du wissen solltest, weil er sonst später für Frust sorgt.
Schnittmuster und Anleitung sind komplett auf Englisch. Und die Videos der Vollversion haben keinen Ton, du siehst dort also zu, ohne dass jemand mitspricht.
Ich finde beides gut verständlich. Aber wissen sollte man es vorher. Wenn dir englische Anleitungen grundsätzlich Bauchschmerzen machen, habe ich dazu übrigens schon einmal geschrieben, in meinem Buch-Check zu englischen Strickanleitungen. Vieles davon gilt fürs Nähen genauso.
Pattern Only, Full Access oder Add-on? Meine Kaufberatung
Jetzt der Teil, für den du vermutlich hier bist.
Es gibt das Schnittmuster in zwei Varianten. Pattern Only für gut 30 Euro, das ist das Schnittmuster plus eine kurze Anleitung. Full Access für rund 53 Euro, mit ausführlicher schriftlicher Anleitung, Videosequenzen und einem Übungsteil, an dem du die Konstruktion vorab testen kannst.
Und es gibt einen dritten Weg, den ich genommen habe: das Add-on. Wenn du erst nur das Schnittmuster gekauft hast und unterwegs merkst, dass du mit der kurzen Anleitung nicht klarkommst, kannst du die ausführliche Version nachträglich dazuholen.
Genau so ist es bei mir gelaufen. Ich habe erst die Pattern-Only-Version gekauft. Weil ich dachte: ich kann ja nähen. Dann habe ich gesehen, wie rudimentär die Anleitung ist. Also habe ich mir mitten im Projekt das Add-on geholt. Und ich bereue es nicht eine Sekunde.
Meine Empfehlung, kurz und unaufgeregt: Wenn du keine Schneiderinnenausbildung hast, nimm gleich die Vollversion. Du sparst dir das Rätselraten, und der Preisunterschied ist im Verhältnis zu den Stunden, die du in die Bluse steckst, überschaubar.
Ist das Schnittmuster damit ein Schnäppchen? Nein, definitiv nicht. Aber ich weiß, wie viel Arbeit in einer Schnittmusterentwicklung steckt, und diese Konstruktion ist wirklich besonders. Ich habe es mir gegönnt.
Wie viel Stoff du wirklich brauchst
Im Schnittmuster steht ein Verbrauch von etwa 1,7 bis 1,8 Metern bei 145 cm Stoffbreite. Das ist vermutlich korrekt gerechnet.
Trotzdem: Kauf zwei Meter.
Ich hatte zwei Meter bestellt und am Ende nicht viel übrig. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Vorwaschen. Der Stoff sollte vorgewaschen werden, und dabei geht immer etwas ein.
- Probestücke. Für den Zwickel gibt es in der Vollversion ein Übungsteil, und das willst du auch nähen. Ich empfehle es sehr.
- Knopflöcher testen. Kein Mensch näht das erste Knopfloch direkt in die fertige Bluse.
Und noch ein wichtiger Punkt: Nimm keinen schmalen Stoff. Weil die Schnittteile zusammenhängen, brauchst du Breite. Ein klassischer Patchworkstoff mit 110 cm funktioniert hier nicht, allenfalls vielleicht in den kleinsten Größen. Für Kleidung aus Patchworkstoffen bin ich sonst durchaus zu haben, wie du in Patchworkstoffe für Kleidung nähen nachlesen kannst. Bei diesem Schnitt geht es nicht.
Zur Nahtzugabe: Sie ist im Schnittmuster enthalten, und zwar mit einem Zentimeter. Wie ich grundsätzlich dazu stehe, habe ich in Schnittmuster mit oder ohne Nahtzugabe aufgeschrieben. Hier kommt aber ein praktischer Hinweis dazu: Wenn du mit Hong-Kong-Versäuberung arbeiten willst, ist ein Zentimeter sportlich. Das habe ich wieder mal selbst festgestellt. Überleg dir also vor dem Zuschnitt, wie du innen verarbeiten willst, und gib im Zweifel einen halben Zentimeter dazu. Aber nur an den Stellen, die tatsächlich versäubert werden.
Ich habe die Stoffempfehlung ignoriert
Manoli empfiehlt strukturierte Stoffe: Hemdenbaumwolle, Popeline, etwas, das seine Form hält. Und rät ausdrücklich von sehr weichen oder instabilen Stoffen ab, weil der Zwickelbereich unter Spannung eingeschnitten wird.
Ich habe Leinen-Viskose genommen. Gestreift. Das war eine bewusste Entscheidung. Mut zum Risiko eben. Und ich würde es wieder tun.
Was ich dafür gemacht habe:
- Die kritischen Stellen am Zwickel verstärkt. Ohne das hätte ich mich nicht getraut, in einen so weichen Stoff zu schneiden.
- Die vordere Kante verstärkt. Der Fadenlauf verläuft dort schräg, das war mir von Anfang an klar.
Und das Ergebnis? Man merkt, dass sich die Vorderteile durch den schrägen Fadenlauf stärker aushängen. Das ist einfach so. Es stört mich nicht.
Genau das ist der Unterschied zwischen einer Regel und einer Empfehlung. Manoli hat recht damit, strukturierte Stoffe zu empfehlen. Trotzdem darfst du davon abweichen, wenn du weißt, worauf du dich einlässt und bereit bist, an den kritischen Stellen etwas mehr Arbeit zu investieren. Es ist nur Stoff.
Warum ich hier so sorgfältig gearbeitet habe
Der Stoff war vergleichsweise günstig. Trotzdem habe ich mir bei dieser Bluse mehr Zeit gelassen als bei fast jedem anderen Kleidungsstück der letzten Jahre.
Der Zuschnitt mit Streifenmatching. Bei gestreiftem Stoff entscheidet sich beim Zuschnitt, ob das Ergebnis später ruhig aussieht oder unruhig. Wie ich dabei vorgehe, habe ich ausführlich beim Ringelshirt nähen beschrieben. Bei einer Konstruktion, in der Vorderteil, Ärmel und Rücken zusammenhängen, ist das nochmal ein anderes Kaliber.
Viel geheftet. Ja, wirklich, mit Nadel und Faden. Bei dieser Bluse war das keine Fleißaufgabe, sondern der einzige Weg, die Teile dort zu halten, wo sie hingehören.
Die Innenverarbeitung mit Hong-Kong-Nähten. Und zwar mit Seidenorganza als Einfassung. Das war vielleicht ein schlüpfriges Sch***, beim Zuschnitt der Streifen im 45-Grad-Winkel. Wie die Naht grundsätzlich funktioniert, findest du in meiner Anleitung Hong Kong Naht nähen.

Und mein Label hatte ich natürlich wieder mal vergessen. Also nochmal ein Stück der Seitennaht aufgetrennt, um es einzusetzen. Manche Dinge ändern sich nie.

„Fertig ist das neue Perfekt“, und trotzdem Handarbeit?
Ich weiß, wie das für manche aussieht. Ich sage „Fertig ist das neue Perfekt“, und dann steckt in dieser Bluse mehr Handarbeit als in allem, was ich in den letzten Jahren genäht habe.
Das ist aber gar kein Widerspruch. Es ist der Kern der Sache.
Der eine Perfektionismus behindert. Das ist der, bei dem ich denke: Ich muss das perfekt machen, weil man das so macht. Sonst ist es nichts wert. Diese Stimme bremst. Sie sorgt dafür, dass Stoffe ungeschnitten liegenbleiben und Projekte nie anfangen oder fertig gemacht werden.
Der andere treibt an. Ich finde klassische Verarbeitungsmethoden wie die Hong-Kong-Naht richtig cool, weil sie ein schönes Ergebnis geben. Darauf hinzuarbeiten, dass etwas besonders schön wird, ist bei mir kein Anspruch, der mich behindert. Es ist ein Motor. Ich lerne dabei immer wieder Neues und gehe immer ein Stück weiter.
Handgestochene Knopflöcher sind komplett unwirtschaftlich. Es gibt Maschinen, die das können. Aber genau deshalb ist es eben kein Perfektionsdruck, sondern spielen. Spaß an der Entdeckung. In diesem Hobby aufgehen.
„Fertig ist das neue Perfekt“ heißt nicht, dass es schnell gehen muss. Es heißt, dass du dich nicht von deinen eigenen Mindfucks bremsen lässt.
Und dann blieb sie liegen
Jetzt zu den fehlenden Knopflöchern.
Ich könnte sie mit der Maschine nähen. Die Bluse wäre fertig, ich könnte sie tragen, und dieser Artikel hätte ein sauberes Ende.
Aber ich will es von Hand versuchen.
Das letzte Mal, dass ich handgestochene Knopflöcher gemacht habe, ist über 35 Jahre her. Ich war Anfang zwanzig und wollte mir ein Kostüm aus roter Bouretteseide nähen. Meine Mutter hat mich immer an ihre Nähmaschine gelassen, und ich konnte sie fragen, wenn ich irgendwo nicht weiterkam. Aber sie hat mich immer machen lassen. Sie hat mir nie die Sachen aus der Hand genommen.
Als die Knopflöcher dran waren, hat sie mir gezeigt, wie das geht. Ich habe es an einem Probestück ausprobiert und dann final am Blazer genäht. Wie das erste Knopfloch aussah, weiß ich nicht mehr. Das Kostüm ist irgendwann in der Kleidersammlung gelandet, weil ich „rausgewachsen“ war.
Geblieben ist der Satz, den ich damals gar nicht als Satz wahrgenommen habe: Sie hat mich machen lassen.
Blusenknopflöcher habe ich allerdings noch nie von Hand genäht. Eins habe ich schon geübt, Knopflochseide und Bienenwachs liegen bereit, und ich habe irgendwie Lust darauf.

Und die Knöpfe? Ich habe eine große Kiste mit Knöpfen, die ich von meiner Mama geerbt habe. Da habe ich ein bisschen drin gewühlt und genügend Perlmuttknöpfe gefunden, die perfekt zu der Bluse passen.
Sie hat mir die Knopflöcher gezeigt. Und ihre Knöpfe schließen jetzt diese Bluse.

Über das Knopflochexperiment berichte ich, sobald ich durch bin. Mit Bildern. Auch wenn es schiefgeht.
Für wen ist dieses Schnittmuster?
Gut geeignet, wenn du:
- schon Kleidung genäht hast und Lust auf eine ungewöhnliche Konstruktion hast
- gerne Neues lernst und dich von „Level: Fortgeschritten“ nicht abschrecken lässt
- bereit bist, für ein besonderes Schnittmuster mehr auszugeben als üblich
Eher nicht, wenn du:
- eine schnelle Bluse für zwischendurch suchst
- wirklich gerade erst mit dem Nähen anfängst
- für ein Schnittmuster nicht mehr als den üblichen Preis ausgeben möchtest
Ich bin gespannt auf deinen Kommentar: Traust du dich an Konstruktionen, die du noch nie genäht hast? Und wie hältst du es mit Knopflöchern, Maschine oder Hand?
Ich arbeite nicht mit Affiliate-Links. Wenn ich ein Schnittmuster, einen Shop oder ein Buch verlinke, dann weil ich dort selbst gekauft habe und es empfehlen kann. Ich verdiene daran nichts.

