Am Samstag werde ich 60.
Und ausgerechnet jetzt, wo laut Statistik langsam die Phase beginnt, in der man Dinge „richtig“ können sollte, habe ich mir einen Claim gegeben, der genau das Gegenteil sagt: Fertig ist das neue Perfekt. Das heißt für mich: Ein fertiges Werk ist mehr wert als ein perfektes, das nie entsteht.
Auf meiner Startseite stand lange „Manchmal chaotisch. Meistens wunderbar. Immer selbstgenäht.“ Ich mochte diesen Satz sehr, und ich mag ihn immer noch. Er steht deshalb weiterhin bei mir, nur an einer anderen Stelle. Denn er beschreibt, wie sich mein Nähalltag anfühlt. Er sagt aber nicht, wofür ich stehe. Und das war mir irgendwann zu wenig.
Was mein neuer Claim bedeutet, warum er gerade jetzt kommt und was ich damit vorhabe, erzähle ich dir hier.
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Was bedeutet „Fertig ist das neue Perfekt“?
Ganz direkt heißt der Satz: Ein fertiges Werk ist mehr wert als ein perfektes, das nie entsteht.
Das klingt banal, ist aber im Nähzimmer die härteste Übung überhaupt. Denn Perfektionismus sieht von außen aus wie ein hoher Anspruch. In Wahrheit ist er meistens eine Bremse. Er hält uns davon ab, den teuren Stoff anzuschneiden. Er lässt uns dieselbe Naht fünfmal auftrennen, bis nur noch Löcher und Fransen übrig sind. Er packt halbfertige Projekte in den Schrank, weil wir Angst vor den Knopflöchern haben.
Ich habe lange gedacht, das sei Disziplin. Bis mir klar wurde, wie viel Freude dieser Anspruch kostet.
Die zweite Bedeutung, die man erst mit meiner Geschichte versteht
Es gibt aber noch eine Ebene, und die wird erst sichtbar, wenn du weißt, wie ich arbeite.
Bei mir entstehen die besten Sachen nämlich nicht trotz der Fehler, sondern aus ihnen.
- Aus einem verwackelten Quilting wurde mein Butterkekszähnchen-Muster. Ich liebe es bis heute.
- Aus einem Schnittmuster, das ich an der Schulter nicht richtig aufgeklappt hatte, wurde ein Kleid mit zwei Schulternähten. Fällt niemandem auf, wenn ich nicht darauf hinweise.
- Aus einem versehentlichen Schnitt in den Stoff wurde der optimale Platz für ein Label.
- Aus zwei rechten Ärmeln (ja, das passiert) wurde eine Bluse mit Flügelärmeln.

Und weil es nicht nur ums Nähen geht: Ich habe in einer Reha mal an einem Malkurs teilgenommen, obwohl ich felsenfest überzeugt war, dass ich nicht malen kann. Ich hatte „Gruppentherapie“ akustisch als „Gurkentherapie“ verstanden und deshalb eine Gurke gemalt. Das Bild hängt heute in unserem Esszimmer.

Auch meinen ersten Marathon bin ich nicht gelaufen, weil ich besonders sportlich wäre. Ich bin ihn mit 42,195 Jahren gelaufen, weil mir diese Zahl gefiel. Ich habe tatsächlich ausgerechnet, wann das genau ist.

Das ist der Kern: Ich springe erst ins Wasser und denke dann nach.
Genau deshalb passt „Fertig ist das neue Perfekt“ zu mir und nicht zu jemand anderem. Es ist keine nette Kalenderweisheit. Es ist die Art, wie ich seit Jahren Dinge angehe.
Warum ich gerade jetzt einen neuen Claim entwickelt habe
Weil dieses Jahr alles gleichzeitig fertig wird.
Mein Kurs „Näh dich glücklich“ war letztes Jahr ein Pilot. Ich habe ihn komplett überarbeitet und aktualisiert, und ab dem 5. August kann man ihn kaufen. Dafür habe ich meinen Online-Shop neu aufgesetzt. Ein zweiter Kurs ist in Arbeit, für alle, die ihren ersten Quilt nähen und ihn vor allem auch fertig bekommen wollen. Ende September kommt ein eigenes Quilt-Schnittmuster dazu.
Und dann werde ich am Samstag 60.
So ein runder Geburtstag ist ein guter Anlass, mal auf das zu schauen, was man da eigentlich baut. Ich habe mich gefragt, warum mir dieser Blog so am Herzen liegt. Die Antwort war nicht „weil ich gerne Nähanleitungen schreibe“. Die Antwort war: weil ich möchte, dass Menschen sich trauen.
Und wenn ich ehrlich bin, gibt es da noch einen Punkt. Mein YouTube-Kanal ist bis heute leer. Nicht, weil mir nichts einfällt, sondern weil mir zu viel einfällt und ich all das vorher noch umsetzen wollte. Und weil ich ein bisschen kamerascheu bin. Das ist ziemlich genau der Perfektionismus, den ich bei anderen zuverlässig erkenne. Bei mir selbst dauert es manchmal etwas länger.
Insofern ist dieser Claim auch eine Ansage an mich selbst.
Welche Claim-Ideen ich verworfen habe, und warum
Der Weg dahin war nicht geradlinig. Ein paar Kandidaten habe ich unterwegs aussortiert:
| Idee | Warum sie rausflog |
|---|---|
| Manchmal chaotisch. Meistens wunderbar. Immer selbstgenäht. | Beschreibt eine Stimmung, keine Haltung. Würde unter fast jedem Nähblog funktionieren. |
| Mut zur Naht | Hübsches Wortspiel, aber es sagt nicht, wofür ich stehe. |
| Lieber fertig als perfekt | Mein eigenes Mantra, aber als Claim zu generisch. Den Satz gibt es gefühlt überall. |
| Schluss mit Perfektionismus | Baut über ein Negativ. Ich stehe für etwas, nicht gegen etwas. |
„Fertig ist das neue Perfekt“ hat als einziger alles zusammengebracht: kurz, merkbar, mit Haltung, und man kann eine Geschichte daran aufhängen.
Was ich mit „Fertig ist das neue Perfekt“ bewirken will
Ich möchte, dass Menschen Spaß am Nähen haben. Dass sie mutig sind, ausprobieren und mit richtig viel Freude schöne Sachen schaffen. Dass sie dieses Hobby als das erleben, was es für mich ist: eine Energiequelle, die viel Freude ins Leben bringt.
Und ich wünsche mir noch etwas, das mir fast genauso wichtig ist.
Ich möchte weniger Vergleichen. Weniger „die kann das viel besser als ich“. Weniger Ranking, wer was wie toll hinbekommt. Stattdessen wünsche ich mir eine Näh-Welt, in der wir uns gegenseitig inspirieren und wertschätzen, jede auf ihrem eigenen Niveau, genau da, wo sie gerade steht. Nicht beurteilen, nicht verurteilen, sondern annehmen, was andere schaffen, und sich mit ihnen freuen.
Und bitte: Hör auf, auf deine eigenen Fehler zu zeigen. Dieses „ich habe da was genäht, aber hier ist es nicht schön und da ist ein Fehler“ höre ich ständig. Freu dich doch einfach über das, was du geschaffen hast.
Konkret heißt das für mich in den nächsten Monaten:
- Der Kurs „Näh dich glücklich“ geht am 5. August in den Shop, mit genau diesem Versprechen: Spaß statt Stress.
- Der Quilt-Kurs wird ein Kurs, in dem man wirklich fertig wird, nicht einer, in dem man perfekt wird.
- Der YouTube-Kanal kommt. Auch wenn ich kamerascheu bin. Vielleicht gerade deswegen.
Es gibt bei mir keine Nähpolizei und keine Quiltpolizei. Ich sage dir gerne, dass eine Naht schöner wird, wenn du zwischendurch bügelst. Aber ich werde dir nie sagen, dass du etwas so und so machen musst, damit es etwas wert ist.
Alles kann, nichts muss.
Und jetzt bin ich neugierig: Was liegt bei dir gerade halbfertig im Schrank, weil es nicht perfekt genug war? Erzähl es mir in den Kommentaren, ich lese jeden einzelnen.
Häufig gestellte Fragen
Es bedeutet, dass ein fertiges Werk mehr wert ist als ein perfektes, das nie entsteht. Perfektionismus sieht von außen aus wie ein hoher Anspruch, ist aber meistens eine Bremse. Er hält dich davon ab, anzufangen, den guten Stoff anzuschneiden oder ein Projekt zu Ende zu bringen.
Nein. Zwischen „handwerklich solide“ und „klinisch perfekt“ liegt ein weites Feld. Schlampig wäre, so unsauber zu arbeiten, dass die Nähte reißen. Lebendig ist, kleine Abweichungen zu akzeptieren. Das ist nicht Nachlässigkeit, das ist Charakter.
Fang an, bevor die Bedingungen perfekt sind. Frag dich: Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Meistens lautet die Antwort: Ich trenne auf und mache neu. Es ist nur Stoff. Und schon 15 oder 20 Minuten am Stück bringen dich weiter als ein perfekt geplanter Nähtag, der nie kommt.
Ein guter Claim beschreibt nicht dein Angebot, sondern deine Haltung. Er ist kurz, positiv formuliert und so spezifisch, dass er nicht auf jeden Wettbewerber passen würde. Bei mir hat es geholfen, in meinen eigenen alten Texten nachzulesen, welche Sätze ich immer wieder schreibe.

