Verborgene Stärken erkennen: die Zusammenfassung meiner Blogparade

Neun Textilstreifen in verschiedenen Farben, und eine Hantelstange im Hintergrund, Sinnbild für neun Beiträge zur Blogparade

Am 16. Juni 2026 habe ich eine Frage in die Welt geschickt: Was kannst du richtig gut, und hast es lange nicht gewusst? Am 2. August war das offizielle Ende der Blogparade. Zurückgekommen sind acht Blogartikel von acht Frauen, dazu mein eigener. Macht neun.

Neun ist keine Zahl, mit der man angeben kann. Dafür habe ich jeden Beitrag gelesen, manche zweimal. Eine Lektorin hat beim Schreiben ihren Claim gefunden. Eine Grafikerin einen seit Monaten liegengebliebenen Artikel endlich veröffentlicht. Und eine Ärztin erklärt, warum ausgerechnet begabte Menschen die größten Selbstzweifel haben.

Und beim Lesen ist mir etwas aufgefallen, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Die neun Geschichten sind inhaltlich völlig verschieden, von der Operngala über das Schachbrett bis zum Logo-Tattoo. Aber sie laufen auf drei immer gleiche Muster hinaus.

Deshalb sortiere ich diese Zusammenfassung nicht danach, wer zuerst da war. Ich sortiere sie nach diesen drei Mustern.

Das Wichtigste in Kürze: Bei meiner Blogparade „Das kann ich richtig gut, und hab es lange nicht gewusst“ sind neun Blogartikel entstanden. In allen neun taucht dasselbe Grundproblem auf: Was uns leichtfällt, halten wir für selbstverständlich, und was selbstverständlich ist, zählen wir nicht als Leistung. Verborgene Stärken erkennen wir deshalb fast nie allein. In den Beiträgen zeigen sich drei Wege: Ein Satz von außen macht die Stärke sichtbar, ein Berufswechsel gibt ihr endlich einen Namen, oder wir hören auf, sie an einem Maßstab zu messen, der gar nicht für sie gemacht ist.

Dir gefällt, was du liest? Abonniere meinen Newsletter!

Diese 9 Blogartikel sind bei meiner Blogparade entstanden

Wenn du wenig Zeit hast: Hier stehen alle Beiträge auf einen Blick. Weiter unten findest du zu jedem eine Zusammenfassung und ein Zitat.

Muster 1: Es brauchte einen Satz von außen

Drei Beiträge erzählen fast dieselbe Szene. Jemand sagt einen Satz. Kein Lob, keine große Rede, oft nur eine Nebenbemerkung. Und dieser Satz sitzt dann jahrelang im Kopf, bis er irgendwann seine Wirkung entfaltet.

Das ist die unbequeme Nachricht dieser Blogparade: Die eigene Stärke allein zu finden, funktioniert offenbar kaum. Man braucht ein Gegenüber.

Dr. Hanna Steffen: „Wenn die eigene Stärke ein blinder Fleck ist“

Hanna Steffen ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet heute als Coach für hoch- und vielbegabte Menschen. Ihre Stärke: Sie erkennt schnell, wo ein Mensch unbewusst feststeckt, hält die eigene Hypothese aber zurück und stellt stattdessen Fragen, bis die Person selbst dort ankommt. Jahrelang hielt sie das für nichts Besonderes. Bis eine Kollegin auf ihr beiläufiges „Ach, das ist doch ein Klacks“ antwortete:

„Für dich ist es ein Klacks. Für die meisten anderen ist es jedoch alles andere als das.“

Ihr Artikel ist der fachlich dichteste der ganzen Blogparade. Sie erklärt darin auch, warum ausgerechnet begabte Menschen so oft an sich zweifeln: Wer das große Ganze überblickt, sieht eben auch mehr von dem, was noch fehlt.

Zum Beitrag von Dr. Hanna Steffen

Bettina Verheyen: „Ich lege Geschichten frei“

Bettina Verheyen ist Lektorin. Während ihres Zeitungsvolontariats hat sie einen ganzen Vormittag lang Pressemitteilungen redigiert, und ihr Ausbilder sagte nur: „Das bereitet dir ja offensichtlich keine Schwierigkeiten.“ Damals hat sie den Satz weggewischt. Über zwanzig Jahre später versteht sie, was er gesehen hat: Sie sucht keine Fehler, sie legt Geschichten frei. Wie Michelangelo, der gesagt haben soll, die Skulptur stecke schon im Marmor.

„Manche Stärken erkennt man erst, wenn man aufhört, sie für selbstverständlich zu halten.“

Für mich ist ihr Beitrag ein wunderbares Ergebnis dieser Blogparade. Denn Bettina hat beim Schreiben ihren Claim gefunden: „Ich lege Geschichten frei.“ Das kenne ich, ich habe kurz vor meinem 60. Geburtstag auch einen neuen Claim gefunden. So etwas fällt einem nicht ein, während man auf den Bildschirm starrt. Es fällt einem beim Schreiben ein.

Zum Beitrag von Bettina Verheyen

Sylvia Nischkowski: „Technik verstehen“

Sylvia Nischkowski ist Coachin und Mentorin, hat Informatik studiert und sich als Kind schon Computerbefehle gemerkt, die sie einmal gesehen hatte. In der Ausbildung erklärte sie ihrer Chefin Excel. Vor dem Studium brachte sie sich PHP selbst bei, indem sie ein Browserspiel weiterentwickelte. Und hielt das alles für völlig normal. Hängen geblieben ist erst ein Satz vom Software-Anbieter: „Du brauchst eigentlich gar keine Schulung.“

„Wir messen uns an dem, was nicht perfekt läuft und übersehen dabei, was uns mühelos gelingt.“

Ihre Pointe: Positionierung heißt nicht, sich etwas auszudenken, sondern sichtbar zu machen, was ohnehin schon da ist.

Zum Beitrag von Sylvia Nischkowski

Muster 2: Die Stärke war die ganze Zeit da, nur ohne Namen

Das zweite Muster ist tückischer. Hier hat niemand die Stärke übersehen. Sie war im Beruf jeden Tag im Einsatz, sichtbar für alle. Aber weil sie zur Jobbeschreibung gehörte, hat sie nie einen eigenen Namen bekommen. Und was keinen Namen hat, kannst du nicht anerkennen.

Nathalie Stöcklin: von der Operngala zum Online-Kongress

Nathalie Stöcklin war Anfang zwanzig und Temporärangestellte bei einer Bank, als sie die Stellvertretung für die Operngala 2000 übernahm. Zwei Abende, rund 3000 Gäste, Gästelisten, Sitzplatzierung, fremdvergebene Aufträge. Ihr erster Gedanke damals: Das werde ich nie hinkriegen. Sie hat es hingekriegt und wurde danach fest übernommen. Als Stärke gesehen hat sie es trotzdem nicht.

„Das waren keine Skills die ich mir angeeignet hatte. Das war einfach… ich.“

26 Jahre später organisiert sie ihren ersten Online-Kongress mit 30 Expertinnen und Experten und erkennt dieselbe Leichtigkeit wieder. Menschen und Themen zusammenbringen: das ist ihre Stärke, und sie hat sie jetzt endlich benannt. Ihr Satz dazu bleibt bei mir hängen: Die Stärke ist das Werkzeug, das Anliegen ist der Motor.

Zum Beitrag von Nathalie Stöcklin

Melanie „minschtl“ Hafner: das Mitdenken

Melanie Hafner ist Grafikdesignerin. Eine Kundin fragte nach Flyern und Visitenkarten, und daraus wurde im Lauf eines halben Jahres eine eingetragene Marke mit Logo, Website, Fotoshooting, Drucksachen und Messestand. Am Ende hat sich die Kundin das Logo tätowieren lassen. Melanies Stärke ist nicht das Gestalten, das können viele. Es ist das, was währenddessen in ihrem Kopf passiert.

„Lange hielt ich das für einen selbstverständlichen Teil meines Berufs. Ich dachte, dass jeder Grafikdesigner oder Agenturen so arbeiten.“

Inzwischen hat sie einen Namen dafür: gestaltende Beratung. Und sie schreibt, dass mein Aufruf der letzte Anstoß war, diesen liegengebliebenen Artikel endlich zu veröffentlichen. Genau dafür sind Blogparaden da.

Zum Beitrag von Melanie Hafner

Andrea Sam: Zuhören

Andrea Sam ist Coach, Beraterin und Seminarleiterin. Ihr Beitrag ist der ehrlichste der ganzen Runde, weil sie den unschönen Ursprung ihrer Stärke nicht schönredet.

„Angst vor dem Schimpfen war mein Einstieg ins Zuhören.“

Aus dieser Kindheitsstrategie ist über Transaktionsanalyse und NLP eine Technik geworden: Sie baut sich beim Zuhören ein Bild vom Erzählten, fast wie ein Video, und fragt so lange nach, bis das Bild stimmt. Jede Korrektur des anderen baut sie sofort ein. Ihre Erklärung, warum echtes Zuhören so selten ist, sitzt: Die meisten formulieren im Kopf schon ihre Antwort, während der andere noch spricht.

Zum Beitrag von Andrea Sam

Muster 3: Was niemand misst, zählt trotzdem

Das dritte Muster hat mich am meisten beschäftigt, weil mein eigener Beitrag da hineingehört. Hier liegt das Problem nicht am fehlenden Feedback und nicht am fehlenden Namen. Hier wurde die Stärke an einem Maßstab gemessen, der gar nicht für sie gemacht ist. Und ist dabei durchgefallen.

Sandra Schwertfeger: Stärken müssen nicht laut sein

Sandra Schwertfeger ist Urban-Fantasy-Autorin. Sie kann lesen, Schach spielen, nähen, häkeln, zeichnen, Tischtennis spielen und tanzen. Auf den ersten Blick ein Sammelsurium. Beim Schreiben ihres Beitrags hat sie den roten Faden gefunden: Sie kann sich vollkommen auf eine Sache einlassen und dabei die Welt um sich herum vergessen. In der fünften Klasse hat sie einen älteren Jungen im Schach geschlagen, der sie unterschätzt hatte. Gesagt hätte sie damals trotzdem nur: „Ich glaube, ich kann es ganz gut.“

„Diese Stärke ist nicht laut. Sie hat keine Urkunde und keinen festen Titel. Aber sie ist da.“

Ihr zweiter Punkt gefällt mir noch besser: Nicht jede Fähigkeit muss zu einem Beruf werden. Manches darf einfach Freude machen. Sie meldet sich beim Firmenfest zum Tischtennis an, nicht um etwas zu beweisen, sondern weil es Spaß macht.

Zum Beitrag von Sandra Schwertfeger

Anja Langner: Stärken stärken bei Kindern

Anja Langner ist Lerntherapeutin. Sie schreibt nicht über ihre eigene Stärke im engeren Sinn, sondern über die Kinder, die mit einem unsichtbaren Rucksack voller Misserfolge zu ihr kommen. In der Schule regiert der rote Stift, gemessen wird das, was nicht klappt. Und dann glauben die Kinder irgendwann, sie seien selbst das Problem.

„Das warme Gefühl von ‚Ich habe das selbst geschafft!’ ist der stärkste Antrieb, den es gibt. Kein Lob von außen ersetzt diese wertvolle innere Erfahrung.“

Ihre eigene Stärke steckt beiläufig mittendrin: Sie baut extrem schnell echten, vertrauensvollen Kontakt zu Kindern auf. Und ihr Stärkenschatzkästchen, kleine Zettel mit gelungenen Momenten in einer Kiste, funktioniert vermutlich auch für Erwachsene.

Zum Beitrag von Anja Langner

Anja Dix: Improvisieren ist keine mangelnde Disziplin

Und ich. Ich habe jahrelang versucht, einen Mahlzeitenplan durchzuhalten, und es keine einzige Woche geschafft. Lange hielt ich das für ein Defizit. Zu chaotisch, zu wenig Disziplin.

Bis ich verstanden habe, dass ich am falschen Maßstab gemessen habe. Ich bin kein Plan-Mensch. Was ich kann, ist aus dem etwas machen, was gerade da ist. Im Kühlschrank genauso wie an der Nähmaschine. Aus der schiefen Naht wird ein Designdetail, aus dem zu kurzen Stück ein bewusster Materialmix. Improvisieren ist ein Können, kein Mangel. Und es ist der Grund, warum ich Perfektionismus loslassen kann, ohne dass etwas fehlt.

Zum Beitrag von Anja Dix

Was ich aus dieser Blogparade mitnehme

Jetzt meine persönliche Bilanz. Mit Zahlen, weil dir ein „war alles super“ nichts bringt.

Acht externe Beiträge in sieben Wochen. Das ist kein Massenauflauf, und ich habe kurz überlegt, ob ich diese Zahl überhaupt schreibe. Ich schreibe sie. Denn wenn du auch mit einer Blogparade liebäugelst, hilft dir eine geschönte Zahl gar nichts.

Vier der acht Beiträge kamen in den letzten drei Tagen. Sieben Wochen Laufzeit, und die Hälfte trudelte zwischen dem 31. Juli und dem 2. August ein. Die Deadline macht die Arbeit, nicht der Zeitraum.

Die Beiträge sind lang und persönlich geworden. Die Lesezeiten liegen zwischen fünf und neun Minuten. Bei einem Thema, das zum Erzählen einlädt, bekommst du offenbar keine Pflichtabgaben, sondern echte Texte. Das ist ein Argument für persönliche Themen und gegen reine Sachfragen, wenn du selbst mal eine Blogparade startest.

Bei zwei Teilnehmerinnen hat der Aufruf konkret etwas ausgelöst. Bettina hat ihren Claim gefunden, Melanie einen liegengebliebenen Artikel endlich veröffentlicht. Das ist mir mehr wert als zwanzig Beiträge, die nur abgeliefert werden.

Keine einzige Nähbloggerin war dabei. Angetreten sind eine Ärztin, eine Lektorin, eine Autorin, eine Lerntherapeutin, eine Grafikerin, eine Therapeutin und zwei Coachinnen. Meine Nähcommunity hat es offenbar nicht abgeholt. Einerseits schade, andererseits schön, dass das Thema so universell funktioniert. Bei meiner Blogparade zu Ordnungstipps war ich thematisch deutlich näher am eigenen Blog dran. Beim nächsten Mal muss ich mir also besser überlegen, was auch Nähbloggerinnen anspricht. Oder machen Nähbloggerinnen einfach selten bei Blogparaden mit?

Und die eine Erkenntnis, die in allen neun Texten steckt: Wir erkennen unsere Stärken fast nie allein. Es braucht ein Gegenüber, einen Perspektivwechsel oder einen Anlass zum Schreiben. Genau deshalb funktionieren Blogparaden zu diesem Thema so gut. Du schreibst nicht über deine Stärke, weil du sie schon kennst. Du findest sie beim Schreiben.

Häufige Fragen zu Blogparaden

Was ist eine Blogparade? 

Bei einer Blogparade ruft ein Blog zu einem Thema auf. Alle, die einen eigenen Blog haben, schreiben dazu einen Artikel, verlinken den Aufruf in ihrer Einleitung und hinterlassen den Link zu ihrem Beitrag in den Kommentaren. Danach fasst der aufrufende Blog alle Beiträge zusammen, so wie in diesem Artikel. Alle profitieren: neue Leser, neue Perspektiven und gegenseitige Verlinkungen.

Lohnt sich eine Blogparade auch mit wenigen Teilnehmerinnen? 

Ja. Bei meiner Blogparade sind acht externe Beiträge entstanden, und zwei Teilnehmerinnen berichten, dass ihnen der Aufruf konkret etwas gebracht hat. Eine Blogparade ist kein Reichweiten-Wettbewerb. Der Wert liegt in den Texten, den Kontakten und den Verlinkungen, nicht in der Teilnehmerzahl.

Wie erkenne ich meine eigenen verborgenen Stärken? 

Die Beiträge dieser Blogparade zeigen drei Wege. Erstens: Hör hin, wenn andere dich für etwas loben, das du für selbstverständlich hältst, und tu es nicht als Höflichkeit ab. Zweitens: Frag dich, wofür Menschen immer wieder zu dir kommen. Drittens: Schau, ob du eine Fähigkeit an einem Maßstab misst, der gar nicht zu ihr passt. Der schnellste Weg ist ein Gegenüber, denn allein erkennst du sie meistens nicht.

Warum halten wir unsere Stärken für selbstverständlich? 

Weil wir Anstrengung mit Leistung gleichsetzen. Was uns Mühe kostet, verbuchen wir als Erfolg. Was mühelos gelingt, fühlt sich nicht nach Arbeit an, also zählt es nicht. Dr. Hanna Steffen nennt das in ihrem Beitrag zur Blogparade einen grundlegenden Denkfehler: Häufig steckt genau in dem Selbstverständlichen die größte Gabe.

Und jetzt du

Neun Frauen haben aufgeschrieben, was sie richtig gut können. Bei manchen hat es zwanzig Jahre gedauert, bei einer sechsundzwanzig.

Also frage ich dich, auch wenn die Blogparade vorbei ist: Was kannst du richtig gut, ohne es für eine Stärke zu halten? Und wer hat es dir gesagt, bevor du es selbst gesehen hast? Schreib es mir in die Kommentare, ich bin gespannt!

Ein herzliches Dankeschön an Andrea, Sylvia, Anja, Melanie, Sandra, Bettina, Nathalie und Hanna. Ich habe bei jedem einzelnen Beitrag etwas mitgenommen.

Dir hat dieser Blogartikel gefallen? Dann abonniere meine „Briefe aus dem Nähzimmer“ – der kostenlose Newsletter für Dich!

Newsletter abonnieren – Briefe aus dem Nähzimmer für dich

Beitragsbild: mit KI erstellt.

Veröffentlicht am

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert